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  • Was kann ich tun um meinen Weg zu finden?
  • Welche neuen Ansätze könnten "Licht ins Dunkel" bringen?
  • Wie kann ich Gleichförmigkeit vermeiden?

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Birne voll, Bauch rumort und dabei viel Schweiß gelassen, doch die Solis bleiben quälerisch und klingen unbeseelt. Was für ein Dilemma, hat man doch alle Skalen geübt, getan, was alle tun....aber "irgendwie ist und bleibt da der Wurm drin". 

  • Ist man einer Irrlehre aufgesessen oder fordert die "Ordnung" nur ihren Preis?
  • Spielt man in etwa das, was man schon in der Lage ist zu Hören, oder ist man ständig überfordert?
  • Macht es eigentlich Spaß?

1.Loslassen                                                                                                                                                                                                                                                           Kunstformen sind nicht "allumfassend durchgecheckt" und sollten es auch nicht sein. Gesetze und Regeln sind Hilfsmittel um Ordnung ins Chaos zu bringen. Klingt Chaos hören wir nicht lange hin, denn die Wahrnehmung ist beleidigt, es lärmt und wir wünschen uns Ordnung. Wird die Ordnung der Wahrnehmung aber offensichtlich, ist sie auch wieder beleidigt, denn es langweilt.Doch Ordnung und Wahrnehmung können sich gegenseitig beeinflussen.

Lass ich ein wenig los, ergeben sich etwaig Eindrücke, die die Grenzen der Ordnung "nach oben" verschieben könnten.

In konstruktiven "Blindflügen" habe ich mich vielleicht ein wenig rausgetastet aus dem System und z.B.:

  • die Major7 über Moll so gut ins Spiel integriert, dass ich in Zukunft mehr Melodien mit ihr kreieren kann....
  • die #11 so in die Auflösung einer Kadenz plaziert, dass sie Raum und Atmossphäre schafft...und das läßt sich nun wiederholen, denn ich habe es gefühlt...
  • eine -3 so dermaßen sexy auf einen "Major 7 Chord"gesetzt, dass es mich fast schüttelt...
  • schräge Triadmatrix auf einen Domseptakkord gedrückt und: Wow, was für eine Bewegung....

Je weniger Kontrolle, desto mehr Risiko, desto mehr Spass, desto mehr Jazz...Wobei "Loslassen" natürlich die schwierigste aller Disziplinen, in einer langen Reihe von Disziplinen ist, denn es bedeutet, sich von mühevoll angeeigneten Mustern loszulösen, frei aufzuspielen und damit auch Risiken einzugehen. Die von der Ordnung geprägten Regeln und Gesetze müssen sich letztlich den Anforderungen des Sounds anpassen und nicht umgekehrt: 

Jazz vs. Pseudoklassik - Leben vs. Modell!

>>Ein Modell ist ein beschränktes Abbild der Wirklichkeit. (https://de.wikipedia.org/wiki/Modell)<<

Das Problem dabei ist allerdings die sich auftuende Monokausalität der Lehre. Ähnlich wie im "wahren Leben", verengt sich auch die Jazzdidaktik auf ungeprüfte Vorgaben und strebt dem Diversitätsmangel zu, bleibt also die Frage:

Was läuft da falsch?

Nähern wir uns mal einem Modell, also dem eingeschränkten Abbild einer Wirklichkeit: Dem Modell der Skalentheorie. Bei der Skalentheorie liegt die Betonung auf Theorie. Es ist überaus hilfreich sich in ihr auszukennen, dennoch ist die Skalentheorie, in all ihrer Komplexität, eine Schrumpfung dessen was ist, klingt, mit mir ringt und Sound sein will.

Warum?

Betrachten wir mögliche Szenarien im Hinblick auf ihre "Wichtigwerdung". Gegeben ist ein Improvisator der bewegt, groovt und berührt. Ein Improvisator eben, von der Bühne geformt und von Erfahrung geeicht. Man hat von ihm gehört und Musikwissenschaftler/ Theoretiker und andere Interessierte wollen nun daran teilhaben. Der Musikwissenschaftler/Theoretiker wird versuchen zu fassen, was er hört, es einordnen, klassifizieren aber unbedingt zweifelsfrei verorten wollen.
 
Denn: Eindeutig soll es sein!

Ergibt sich nun die Ahnung einer partiellen Ordnung, wird, um sie zu extrapolieren, alles weggekürzt, was dem ersehnten, musiktheoretischem Postulat, das geformt werden soll, widersprechen könnte. Wobei in Konsequenz wieder deutlich wird, dass die Vermessung der "Welt" sie auf jeden Fall kleiner macht.

Mit dem "Unfassbaren" gilt es zu rechnen. Das alles geht natürlich nur Schritt für Schritt, peu á peu und mit viel Geduld vonstatten.

Was heißt das?
                                                                                                                                                                                                                                                                                   Es bedeutet:

  • dass man der Realität Schritt für Schritt das Wissen "in Bewegung" abringen muss.
  • dass alle Erkenntnisse nur temporär sind, bis die nächste Erfahrung, der nächste Kick und/oder die gelebte Poesie neue Regeln formt.
  • dass es eine Disziplin des "mobilen Tellerrandes" ist, die die Begrenzung mehr und mehr nach oben schiebt.

Die Skalentheorie z.B. ist ein Modell, das vornehmlich in vertikalen Betrachtungsweisen angelegt ist (Scale over Chord). Kommt in der Horizontalen der Aspekt Zeit hinzu, verändern sich Bedingungen und Betrachtungsweisen für Motive und Melodien in tonalen wie modalen Zusammenhängen, z.B. durch: 

  • Einfügung "virtueller Kadenzen", quasi das Einfügen von "Microkadenzen" in gegebene Changesabfolgen 
  • Komprimieren oder expandieren von Längen der Changes innerhalb gegebener Kadenzen
  • Anwendung des "Parker b.z.w. Coltranecycle" zur Durchführung von Motiven in modalen wie tonalen Zusammenhängen
  • u.v.m.

Betrachten wir dazu einmal diese F7 - Linie:

Mit skalaren Verortungen kommt man hier nicht weit, denn es wirken z.T. die o.g. Prinzipien. Es geht also um die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Verarbeitung von Information: In - forma - tion. Ein "in Form und Farbe bringen" - ständig.

Bei der Gestaltung von II -V -I Verbindungen z.B. läßt sich Information in Skalen oder aber auch in unterschiedlichsten Triadkombinationen darstellen. Werden Triadkombinationen zu Lines verwoben, können in der Analyse Hybridskalen enstehen, die der Nomenclatura, dem Modell, teilweise widersprechen, im Ergebnis aber mächtig Sound erklingen lassen! Also, das Wissen mal kurz parken und sich dem unten stehenden "Multiple Choice System" hingeben: loslassen!

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Also von wohlogem "inside" in Form von z.B. F, G, C zu expressivem "outside" dargestellt am Beispiel von F+, Ab-, E....das macht: Sound!

2.Neugier                                                                                                                                                                                                                                                                         Hat man sich also dem "Loslassen" zugewandt und läßt tatsächlich los, wird Aufmerksamkeit "frei" und Betrachtungsweisen können sich wandeln. Große komplexe Modelle stehen elementaren Lernprozessen im Weg! Das ungeprüfte Überstülpen komplexer Vorgaben erstickt zwingend das neugierige Selbst. Dieser Urimpuls ist der eigentliche Garant einer gedeihlichen natürlichen Entwicklung. Ein Schwungrad des Lernens. An ihm gilt es zu drehen, es in Bewegung zu halten, voller Neugier und der unbedingten Fähigkeit zu staunen. Und gibt man ihr nach, der Neugier, so ist dies auch als Agieren wider der Gleichförmigkeit zu verstehen. Neugier ist ein "anarchisch verorteter Grundimpuls"....und Neugier ist Jazz. 

>>Neugier, auch Neugierde, ist das als ein Reiz auftretende Verlangen, Neues zu erfahren und insbesondere Verborgenes kennenzulernen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Neugier)<<

Läßt man Neugier walten und geht in die Feinheiten der Changes eines Stückes, wird man erkennen, dass Informationen von Chord zu Chord nur in kleinen Dosen weitergereicht werden. Betrachten wir hierzu z.B. einmal den A Teil von "Angel Eyes" (Matt Dennis). Folgende Betrachtungsweise folgt dem Ansatz der "kleinst möglichen Veränderung innerhalb einer sich den Changes anpassenden Mutterskala". Ein dynamisches System der Anpassung an gegebene Erfordernisse des Sounds. Dies ist eine Verfahrensweise der Altvorderen und ich spreche hierbei von einer Art "Expandierenden Skala" die uns hilft "Jazzsound" zu verstehen: 

 

3. Intuition                                                                                                                                                                                                                                                                     Ändere ich jeweils nur einen Ton im Gefüge bilden sich, vertikal betrachtet, "Abkömmlinge" der Skalentheorie. Man könnte dies auch als "Metamorphe Skala" betrachten oder als "Chameleon Skala"....aber "es" passiert immer in Bewegung und unterstützt den Ansatz der Improvisation entlang der Melodie des Stückes. Motive werden leicht verändert und passen sich dem Verlauf des Stückes an. Letztlich aber auch ein "Guide" zur Ermittlung der "richtigen Skala" im gegebenen Zusammenhang. Dies ist ein sehr musikalischer Ansatz, der einen parlieren läßt und übermäßige Geschwätzigkeit meidet. Der Unterbau muss also simpel sein, damit man sich mit all seinen Sinnen den „Gesetzen der Musik" gegenüber öffnen kann, um zu erleben, um zu spüren was, was macht. Peu à peu einer gewissen musikalischen „Grammatik" habhaft zu werden, ist die Bedingung, um mit anderen zu kommunizieren. Es gibt Aneinanderreihungen von Tönen, die nicht mehr sind als die bloße Aneinanderreihungen von Tönen, und es gibt solche, die Melodie sind. Es muss also Gegebenheiten, Möglichkeiten und/oder Fähigkeiten geben, Töne so zu organisieren, dass sie Melodie werden.

Kann man das lernen? Ja, das kann man lernen!

Check: http://www.massoudgodemann.de/massoud-godemann-blog-entry.php?id=12 

  • Wir brauchen Geläufigkeiten!
  • Wir brauchen einfache Strukturen!
  • Wir wollen hören, fühlen und verstehen was wir spielen, denn:


Es gilt, die formalen, tonalen und emotionalen Bedingungen und Gegebenheiten musikalischer Strukturen nach dem Grad Ihrer Komplexität durchzudeklinieren. Die Entwicklung von einfachen zu komplexeren Strukturen bedingt den Energiefluss. Nur wenn man direkt an der Improvisation teilnimmt, fühlt es sich gut an. Durch "Noodling" stellt man sich schnell ins musikalische Abseits, und dort ist es kalt! Die Geschichte, das Gefühl oder eben der Eindruck, den es zu vertonen galt, ist scheinbar abhanden gekommen. Es klingt so, als hätte man nichts zu sagen. Doch dem ist nicht so - Man hat sich nur in den Mitteln vergriffen! Mitunter ist das gewählte Tonmaterial noch zu komplex und sperrt sich gegenüber einem intuitiven Zugang.

Check: https://www.youtube.com/watch?v=P4DFywtbQB4

Fazit: Man lernt nur in der Bewegung
Für den Jazzgitarrenunterricht heißt das zwingend, dass alles Wissen, alle theoretischen Erkenntnisse von Form und Farbe, an Tunes entlang entwickelt werden müssen, um den Kontakt zum Spielfluss, der Time und der Dramaturgie nicht zu verlieren. Es geht also um erfahrbare Verfahrensweisen, dem "gewusst wie" um seinen eigenen Weg zur Improvisation zu finden und mit Freude Jazzgitarre zu spielen!

Check: https://www.youtube.com/watch?v=MNEblHmsTn8

 

Massoud Godemann

Seit 40 Jahren steht er mit Bands unterschiedlichster Musikrichtungen auf der Bühne und ist aus eigener Erfahrung mit Hardrock, Blues, Pop, Latin und Jazz vertraut. Er studiert seit über 30 Jahren Jazzgitarre am "lebenden Subjekt" und ist immer auf der Suche nach Klang, Melodie und tiefer Empfindung - Die Presse bezeichnet ihn daher gerne als „Poet unter den Jazzgitarristen, als „natürlichen Instinktspieler“ oder aber als „Meister des Ausdruckes“.

Weil Musik aber auch ein stetes Entdecken ist, organisierte er bereits mit 15 Jahren sein erstes Gitarrenseminar und hat neben zahlreichen Gruppen, Bands und Ensembles bis heute etwa 300 Privatschüler erfolgreich betreut. Um Jazz-Studenten einen lebendigen Ansatz zu bieten, der zugleich motiviert und fundierte Kenntnisse vermittelt, entwickelte er seine eigene erweiterte Jazzdidaktik der "Grammatik des Jazz’", oder wie er es nennt: Wege in die Sprache des Jazz, einer modernen Jazzdidaktik Reihe mit Videos, Texten, Vorlesungen und Workshops.

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Massoud Godemann
Eimsbüttelerstr.37
22769 Hamburg
040 - 390 74 83
jazz@massoudgodemann.de
www.massoudgodemanntrio.de
www.massoudgodemann.de
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