2009_11_02_IMG_8607_v1 (2)

Einstieg in die "Changes". Ein "smoother" Weg durch die Form. Am Anfang war der Blues.....

Feature Tone Concept & Bluesscale

von Massoud Godemann

Musikalische Versatzstücke (Licks) und Skalenabschnitte (Skalenpatterns) lenken soviel Aufmerksamkeit auf die technischen Aspekte des Gitarristendaseins, sodass wenig Zeit für Inspiration und Verzückung übrig bleibt. Selbst Wege auf dem unübersichtlichen Griffbrett der Gitarre zu finden hilft einem letztlich die Changes eines Songs besser zu verstehen und horizontale und vertikale Strukturen des Gitarrengriffbrettes besser zu begreifen.   

  • Einfache musikalische Statements bringen Klarheit ins Spiel.
  • Aus dieser Quelle entspringt der Spielfluß der uns mitzureißen vermag

Die Bluesskala, als überschaubare Grundlage der Improvisation, dient uns als Spielwiese der einfachen melodischen Ideen und der sich an „Sprachlichkeit“ orientierenden Rhythmik. Grundlegende Improvisationstechniken wie z.B. die „rhythmische und melodische Imitation“ oder das Spielen mit „Frage – Antwort “ Motiven, lassen sich durch die Limitierung auf die Bluesskala live erleben.

  • Komplexität verwirrt anfänglich nur und ist auf Dauer erlebnisfrei.
  • Man übt nur und spielt nicht.

Es kommt nur darauf an, wie musikalisch man mit diesem Material umgeht. Der Blick auf das musikalisch Grundsätzliche ist hierbei gefragt: Time, Geschmack, Artikulation, Dynamik und Dramaturgie.

Musiktheorie, Skalen, Patterns, Licks und Tricks können die Basissprache der Musik nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Wissen und Erfahrung sollten sich in Balance wiegen.

Denn: Ein „natürlichen Ansatz“ zum Verständnis des Phänomens Improvisation lässt Raum für die eigene Entwicklung und gibt dem Ohr die Möglichkeit mit zu wachsen und sich im informellen „Dickicht“ zu orientieren.

Tunes wie „Summertime“,“ Autumn Leaves“,“ Work Song“, "There will never be another you" oder etwa „All of me“ lassen sich solistisch durchaus mit der Blues/ Countryskala bedienen. Das „überspielen“ der Changes ermöglicht es uns anfänglich die Konzentration auf die Emotion und den Spielfluss zu lenken, und nicht dem Taktweise vortastenden „Gequäle“ des überkultivierten Skalenansatzes zu folgen. Wichtig ist es, die Gesamtheit der Form eines Stückes spielerisch zu erleben. Das formale "Herumtheoretisieren" am stummen Blatt schafft nur ein von der Praxis losgelöstes virtuelles Wissen. Um zu erleben muß man machen. 

  • "All of me“ mit A - Blues (C - Country)
  • “Stand by me” mit F#-Blues (A - Country)
  • "There will be another you“ mit C-Blues (Eb - Country)
  • "Work Song" mit F - Blues
  • und “Autumn Leaves“ mit G - Blues (Bb - Country)

bedienen und hören wohin es einen trägt. Hier ein kleiner Ausschnitt des "Grundmaterials":

Bluesskala in Position_1

Limitierung ist hierbei das Zauberwort. Die musikalische Grammatik ist letztlich das was wir suchen. Es bedarf schon einiges mehr als hehrer Worte (Licks) um sinnvolle musikalische Aussage zu treffen. Es muß klar sein wo die Form eines Stückes beginnt und wo sie aufhört. Nicht nur Sheets lesen, sondern viel über Playbacks (z.B. Aebersold) spielen und auf das Agieren des Schlagzeugers achten. Er markiert die Form und gestaltet den Puls. Der Sprung ins kalte Wasser bewirkt Entwicklungsschübe. “Learning by doing“, wie der Franzose sagt, bewirkt Wunder. Spielen, Spielen und nochmals Spielen..........

Hat man sich nun gedeihlich ausgetobt, lohnt der analytische Blick auf die Changes. Es vermittelt sich einem unweigerlich der Eindruck, dass mehr Töne im Spiel sind als die, die uns die Bluesskala bietet.

Also doch Berklee beten?

Später vielleicht, jedoch nicht im Stadium des Aufbaues eines unbekümmerten Spielflusses. Noch sind Skalen im Übermass Gift für die musikalische Entwicklung, denn sie zwingen zu vertikalem Denken in einem horizontalen Zusammenhang!

An den Changes eines Songs kann man jedoch erkennen welche, zusätzlichen Töne temporär an Bedeutung gewinnen könnten, da sie die musikalische Bewegung solistisch umzeichnen können. Im achten Takt von „Summertime“ etwa erklingt ein A7 (A, C#, E, G ). A7 ist in diesem Fall die Dominante von D Moll, der Tonart dieses Stückes. Dominanten haben einen starken Drang sich in einen ruhenderen Akkord aufzulösen: Spannung – Entspannung

Im A7 Akkord stellt sich der Ton C# als große Terz dar. Sie ist in diesem Zusammenhang einer der beiden möglichen Guidetones (Terz & Septime). Ein starker Ton. Ein fordernder Ton. Ein wichtiger Ton. Deswegen werden wir ihn „featuren“. Anstatt also nun irgendeinen komplexen Skalenfingersatz, der das C# in seinem Soundmodell beinhaltet (z.B. D - Harmonisch Moll) unmusikalisch durchzudrücken, empfiehlt es sich, Erfahrungen mit dem hierbei wesentlichen Ton zu machen, ohne sich technisch und strukturell in Skalenpatterns zu verstricken. Zu leicht mutiert diese Sicht der Dinge zur Fallstudie eines „Augenspielers“. Fingersatzfixierte Skalenpatterns werden durchgedrückt, ohne dabei die Wesenheit des Tones C# zu erkennen, zu erfahren, zu erhören. Die Klassiker nennen diesen starken Ton den Leitton. ER leitet von der Terz der Dominante A7 zum Grundton des Zielakkordes D Moll. Nun bedienen wir uns der erarbeiteten Bluesskalen-Geläufigkeit, verbunden mit der zeitgerechten Verwendung des Tones C#, innerhalb eines musikalischen Ablaufes. Das hat was mit Musik zu tun. 

Los geht’s: 

|       D-7         |                     |                       |     D7#9       |  

|       G-7         |                     |     E-7b5        |     A7#5       |  

|       D-7         |                     |                       |  G-7 C7#9   |  

|       Fj7          |  E-7b5  A7  |       D-7          |     A7#9       |

 

  • Alle C# die sich auf dem Griffbrett befinden lokalisieren und sie dann mit den Blueslagen Patterns synchronisieren/visualisieren. 5 Lagen – 5 Ansätze.
  • Ein | D- | A7b9 | Playback erstellen und sich die „Bewegung“ innerhalb dieser Changes erspielen und ersingen. (z.B. C - C# - D für | D- | A7 | D- | oder Bluesmotive singen die im C# (Terz in A7) ihren Zielton finden oder übers C# zum D (Grundton in D Moll) finden.
  • Summertimeplayback auflegen, losspielen und beim A7 erst mal nur ein langes C# einsetzen, um zu bemerken wie es sich auswirkt und ob es denn kitzelt. Dann die Bögen länger spannen und über den Ton C# in den D Moll Akkord auflösen 
  • Das C# auch im 14’ten und 16’ten Takt einflechten.
  • Das Gleiche bei Worksong mit dem Ton E über das C7 ausprobieren (7 und 8 Takt ) um den Terzsound plus seiner Auflösung ins F Moll immer wieder zu erfahren.

 

In Summertime gibt es allerdings noch mehr musikalische Eckpunkte die einer Sonderbehandlung bedürften. Der Wechsel von D7 zu G Moll (4ter Takt) ist ähnlich, da eine Dominante sich in einen Mollakkord auflöst. G Moll ist zwar nicht die Tonart dieses Stückes, wird aber ebenso „wichtig“ durch das D7 angekündigt wie vorher das D Moll durch das A7. Es könnte hier also auch kitzeln. Vorausgegangene „Dominantenerfahrung“ erleichtert den Umgang. Also den Ton F# ins Bluesbild integrieren u.s.w.....also alles nochmal……….:-)

Beobachtungen                                                                                                                                                                                                                                                         Unreflektiertes musiktheoretisches Wissen lähmt die Experimentierfreude und ist oftmals ein Overkill an zu ernst genommen Dogmen und ungeprüft übernommenen Regeln. Nicht wenige verharren in „Angst“ den Ansprüchen nicht zu genügen, in einer sie lähmenden “Pseudowissens-Paralyse“. Also fängt man erst gar nicht an spielerisch mit Playbacks oder noch besser mit anderen Musikern praxisbezogen zu üben und spielerisch Erfahrungen auszutauschen.

Spaß ist ein immanent wichtiger Faktor beim Lernen und sollte in jedem Übungsplan einen festen Platz einnehmen und freudig bedient werden.

>>Zuckerbrot und Peitsche haben beide Ihre Zeiten. Jedoch sollte man Spielfreude nicht in Dogmen ersticken, den Schmerz anfänglich misslungener Versuche erdulden und Wege zur Melodie nicht aus den Augen verlieren. Technische Aspekte stehen hierbei im Hintergrund, da sich Virtuosität oftmals als antrainierter „muskulärer Reflex“ und nicht als Fortführung einer zugrunde liegenden Musikalität darstellt. Also keine „Ratter, Ratter Fingersatzsoli“ abspulen, sondern sich in seinem Spiel „peu à peu“ an das herantasten, was man schon in der Lage ist zu hören - und dann wird Freude daraus...<<

Viel Spaß!

Massoud Godemann

Seit 40 Jahren steht er mit Bands unterschiedlichster Musikrichtungen auf der Bühne und ist aus eigener Erfahrung mit Hardrock, Blues, Pop, Latin und Jazz vertraut. Er studiert seit über 30 Jahren Jazzgitarre am "lebenden Subjekt" und ist immer auf der Suche nach Klang, Melodie und tiefer Empfindung - Die Presse bezeichnet ihn daher gerne als „Poet unter den Jazzgitarristen, als „natürlichen Instinktspieler“ oder aber als „Meister des Ausdruckes“.

Weil Musik aber auch ein stetes Entdecken ist, organisierte er bereits mit 15 Jahren sein erstes Gitarrenseminar und hat neben zahlreichen Gruppen, Bands und Ensembles bis heute etwa 300 Privatschüler erfolgreich betreut. Um Jazz-Studenten einen lebendigen Ansatz zu bieten, der zugleich motiviert und fundierte Kenntnisse vermittelt, entwickelte er seine eigene erweiterte Jazzdidaktik der "Grammatik des Jazz’", oder wie er es nennt: Wege in die Sprache des Jazz, einer modernen Jazzdidaktik Reihe mit Videos, Texten, Vorlesungen und Workshops.

Freude am Lernen?

Buchen Sie einen Sprachkurs in Sachen Jazz und lernen Sie mit anderen in den schönsten Klangfarben zu kommunizieren.

Massoud Godemann
Eimsbüttelerstr.37
22769 Hamburg
040 - 390 74 83
jazz@massoudgodemann.de
www.massoudgodemanntrio.de
www.massoudgodemann.de
www.godemann-bauder.de